Wie gibt mir Vermissen Kraft?

 

Ich vermisse jemanden. Nicht nur eine Person. Immer wieder.Ich weiß nicht, ob es da draußen eine Person gibt, die niemanden vermisst. Wenn doch, schreib mir gern - das interessiert mich wirklich.

Wie ist das nun mit dem Vermissen? Ich versuche euch mal meine Geschichte damit zu erzählen. Ich vermisse einige lebende Personen, weil sie für meinen Geschmack einfach zu weit weg sind. Damit kann ich ganz gut umgehen und zum Glück fällt es mir leicht, Kontakt über größere Distanzen zu halten. Darum soll es heute aber nicht gehen.

Ich vermisse ganz besonders eine Person, die viel zu früh nicht mehr unter uns sein durfte. Sie wurde aus unserer Mitte gerissen als unsere Herzen gerade weit geöffnet waren. Die anfängliche Wut und Verzweiflung wich irgendwann einem tief bedrückenden Vermissen. Und dem Wunsch, dass das was von ihr noch irgendwo existiert (Seele?!) mich auch vermisst. Warum gibt es diesen Wunsch? Ich glaube wir haben uns zu selten gesagt, wie wichtig wir füreinander sind. Und dann war es irgendwann zu spät. Man setzt diese Sachen zu oft voraus - ich zumindest. Und dann bleibt nur die Hoffnung, dass ich dem anderen genauso wichtig war, wie er für mich. Ich habe einige Jahre mit dieser Art von Vermissen gelebt. Sie machte einige Handlungen und Gespräche unmöglich, weil ich immer Angst hatte, dass die Emotionen meine sachliche Schale durchbrechen. Ich hatte nicht nur Angst vor meinen Emotionen sondern auch vor denen der anderen, die direkt betroffen waren. Statt echter Gedanken und Gefühle wurden nur Oberflächlichkeiten ausgetauscht. Das war für eine Weile okay, verhinderte aber echte Beziehungen.

 

Wie kam es nun zu einer Veränderung?

Tja, irgendwann machten sich diese unterdrückten Emotionen in Form von Ängsten bemerkbar. Es liefen ab und zu Filme in meinem Kopf ab, die ich hier lieber nicht beschreiben möchte. Sie endeten immer mit einem schmerzlichen Verlust, bei dem ich hilflos zu schauen musste. Das war der Punkt an dem ich wusste, dass ich etwas tun musste. Ich erspare euch die ganzen Herangehensweisen, die nicht funktioniert haben und beschreibe die Schritte, die mir weitergeholfen haben. Hier noch einmal der Hinweis: Ich gebe keine Therapiehinweise und ihr seid immer die letzte Instanz, die entscheidet, ob meine Anregungen für euch funktionieren. Was bei mir hilft kann bei jemand anderem komplett ins Leere laufen und umgekehrt.

 

Hier meine Tipps und Inspirationen:

 

1.Erinnere Dich!

Das ist erst einmal der größte Schritt. Ich habe mir nicht wieder und wieder die letzte Situation in den Kopf gerufen, in der ich sie gesehen haben. Nein, das hatte ich schon zu Genüge getan. Ich habe mich einfach an sie als Person erinnert, wie sie war, wie sie gesprochen hat, was sie gern getan hat. Das funktioniert bei mir am besten mit geschlossenen Augen in einer Art Meditation. Ich habe mich an sie erinnert und mir vorgestellt wie wir heute miteinander reden würden. Das hat einen einfach Grund: Ich konnte mir so vorstellen, wie sie mir sagt, was sie für ihren Seelenfrieden noch braucht. Und zwar bildlich, aus ihrem Mund, nicht in meinen Gedanken.

 

2. Höre was sie dir sagt!

Mit der oben beschriebenen Methode habe ich mir tatsächlich ein Gespräch vorgestellt. Klingt für einige von euch vielleicht etwas abgefahren. Funktioniert aber für mich. Was sie dann sagte, war dass die gern hätte, dass wir hier unten mit Freude an sie denken und Freude erleben. Ich schätze mal, das ist der Klassiker. Das würde ich auch wollen, wenn ich mal gehe. Wer will denn schon, dass die Liebsten sich die Augen rot weinen? Aber diese Aussage ist bei mir erst wirklich angekommen, als ich mir das Bild vorgestellt habe, wie sie diese Worte ausspricht. Vorher wusste ich das auch, habe es aber nicht geglaubt. Und wenn mir ein "Ja, aber..." als Antwort auf ihren Wunsch in den Kopf kam, strich ich es sofort. (Ich glaube, dass kann man mit den meisten "Ja, abers" tun.)

 

3. Führe das Gespräch vor dem du am meisten Angst hast.

Es gibt eine Person, die noch näher am Verlust war. Der Gedanke an ein Gespräch mit dieser Person hat in mir alles zugeschnürt. Das war die Angst vor den Emotionen. Auf beiden Seiten. Nach den Schritten 1 und 2 hatte ich aber plötzlich das dringende Bedürfnis, genau dieses Gespräch zu führen. Wenn du auch so ein Schisshase bist wie ich, mach dir mit dieser Person einen Termin für das Gespräch aus. So fällt der Rückzieher schwerer. Und wenn es dann so weit ist, versucht über alles zu reden. Über die schönen Zeiten, den Verlust, die Leere, die Wut, die Trauer, die Sehnsucht. Und über den Wunsch des Verstorbenen. Auch wenn er nicht direkt von ihm kam, sondern aus dir. Vollkommen egal. Wichtig ist nur Ehrlichkeit. Das ist nicht leicht. Aber danach wird es immer besser. Versprochen. Bei mir hat dieses Gespräch sehr viel von dem erdrückenden Gefühl des Vermissens gelöst - es hat sich gewandelt zu einem Gefühl des Erinnerns.

 

4. Tue etwas!

Das ist jetzt ziemlich frei. Aber wichtig ist, nicht nur zu reden, sondern dem Kopf auch durch Taten zu zeigen, dass jetzt die Zeit des quälenden Vermissens vorbei ist. Ich habe überlegt, was für mich Freude symbolisiert. Ich tat was mir als erstes in den Sinn kam. Das müssen nicht immer große Dinge sein, man kann ja erstmal mit den kleinen Dingen anfangen. In meinem Fall kaufte ich mir ein Notizbuch und  einen großen Kaffee, um fortan Geschichten und Gedanken aufschreiben zu können, die mir und anderen Freude bereiten.

 

5. Lass sie los!

Am Ende kam nochmal ein harter Brocken. Damit bin ich auch, ehrlichgesagt, noch nicht ganz fertig. Um aber richtig Frieden zu schließen, möchte ich die Person von meiner Erwartung entlasten, dass sie noch da sein sollte. Damit es mir besser geht. Das heißt, ich muss sie gehen lassen. Im Kopf. Im Herzen. In der Seele. Wie mache ich das? Da ich immernoch der Bilder-Typ bin, gehe ich wieder in eine Meditation und stelle mir bildlich vor, wie sie erst vor mir steht und dann geht. In den Horizont, in den Himmel - da hat sicher jeder eine Präferenz. Bis sie nicht mehr zu sehen ist. Weg. Ich entlasse sie damit aus der Rolle, für mein Glück verantwortlich zu sein.

 

Denn für mein Leben bin nur ich verantwortlich. Das und der Gedanke, dass der Vermisste auch nur den Wunsch hat, dass es den Vermissenden gut geht, geben mir manchmal so viel Kraft, das ich gar nicht weiß wohin damit.

 

 

 

Wie geht ihr mit dem Vermissen um? Ich freue mich auf eure Erfahrungen als Kommentare.

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