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Brief an den Krebs

 

Heute geht es für mich ans Eingemachte. Ich habe ja gesagt, dass ich diesen Blog ins Leben gerufen habe, um meine ganz persönlichen Aha-Erlebnisse mit euch zu teilen. Das Zitat von dem Foto ist das, was meinen ganzen Selbstfindungs-Prozess in Gang gesetzt hat. Es war nicht die Diagnose Krebs. Es war ein Zitat.

Ich möchte heute meine ganz persönliche Version dieses Zitats in Form eines Briefes schreiben. Danke für´s Lesen.

 

"Lieber Paul Arsch,

 

vor ziemlich genau einem Jahr bist du in mein Leben getreten. Du warst wohl schon länger da. Aber an diesem Tag hast du dich gezeigt. Eigentlich mag ich Besuch. Nimm es mir nicht übel, aber über dich konnte ich mich nicht freuen. Zunächst hast du mich gebrochen, du hast mich wütend gemacht, ängstlich und verzweifelt. Du hast mein Leben in zwei Teile geteilt: vor und nach der Diagnose.

Ich habe versucht, die Angst und die Verzweiflung nicht über mein Leben bestimmen zu lassen. Ich habe beschlossen, alles was in meiner Macht steht zu tun, damit du verschwindest. Da hast du dir die Falsche ausgesucht. In den ersten Wochen durftest du mich noch begleiten. Zu den Ärzten, in den Perückenladen, zu der Chemo. Ich war so wütend auf dich. Ich war 31. Ich wollte nicht mit meiner besten Freundin Perücken aussuchen. Andere suchen in dem Alter gemeinsam Brautkleider aus. Das hast du zerstört. Ich habe dir meine Haare geopfert. Und meine Brüste. Und ein Stück meiner Unbeschwertheit. Aber nicht mich.

Ich wollte dich nicht fragen warum du da bist - du hast auch nichts gesagt. Aber ab und zu hat mich diese Frage einfach übermannt und ohnmächtig gemacht. Doch weder für die Frage nach dem "Warum?" noch nach dem "Wozu?" habe ich mir Zeit genommen. Ich habe versucht, dich zu ignorieren. Ich wollte einfach weiter eine starke Frau, Mutter und Freundin sein. Ich dachte, wenn ich das nur hart genug versuche, wird schon wieder alles normal. Selbst bei Fragen von außen nach Veränderungen durch die Diagnose hatte ich nur ein "Es ist doch alles okay" übrig. Ich habe nicht verstanden, dass du mir vielleicht doch etwas sagen wolltest.

Das ging eine Weile gut. Therapie gemacht, OP gemacht, Baby versorgt, altes Leben wiederhergestellt. Dabei bist du ausgezogen. Seien wir ehrlich - wir haben nie wirklich zueinander gepasst. Also war ja alles wieder gut. Dachte ich. Bis ich wirklich mal Zeit hatte nachzudenken. In der ganzen Zeit mit dir habe ich das nämlich nicht getan. Ich wollte dich so unbedingt los werden, dass ich keinen Platz für andere Gedanken hatte.

Bis ich bei der Reha saß. Allein. Nur ich. Mit mir. Und ich dieses Zitat gelesen habe. Ich habe mich dann gefragt: "Bin ich wirklich stehengeblieben? Habe ich hingehört? Und was zum Teufel ist mir eigentlich wirklich wichtig?". Die Antworten waren erschütternd. Ich hatte keine Antworten, ich habe einfach weiter gemacht wie bisher. Denn "es ist doch alles okay". Was mir dann bewusst wurde, danke lieber Krebs dafür, ist, dass "okay" Bullshit ist. Ich will kein Leben was "okay" ist. Ich möchte wissen, was mir wirklich wichtig ist. Und dann möchte ich genau das tun. Also bin ich in den Wald gegangen und habe nachgedacht. Zum Glück habe ich bei der Reha eine Dame kennengelernt, die mir auf diesem Weg geholfen und mich inspiriert hat. (Danke, meine Liebe.) Was habe ich nun rausgefunden? Ich versuche es mal kurz zu machen. Ist sowieso ein alter Hut. War für mich aber trotzdem so weit weg, dass erst Paul Arsch kommen musste, um mir das zu zeigen:

 

1. Ich möchte so lange wie möglich gesund bleiben. Für mich. Für meine Familie. Dazu möchte ich meinem Körper alle Energie zur Verfügung stellen die ich habe. Harte Konsequenz für mich: Ich werde keine "Stärke" beweisen, sondern mir eingestehen, noch nicht mit dieser Krankheit abgeschlossen zu haben. Ich werde nicht in den Normalzustand gehen und weiter arbeiten, sondern mir bewusst Zeit für mich nehmen. Ich werde mich zum ersten Mal seit der Diagnose krank schreiben lassen. Und zwar so lange wie ich es fühle. Dies bedeutet auch, dass ich in meinem Kopf den Erwartungen der Anderen nicht gerecht werde. Die erste Probe kam dann als ich jemandem erzählen musste, dass ich jetzt doch nicht mehr arbeiten gehe und auch nicht weiß, ob und wie ich nach meiner Krankschreibung in den alten Job zurückgehe. Puuuuh. Harte Nummer. Tränen. Das Ego in meinem Kopf, was mir immer wieder sagt, ich soll ins Hamsterrad zurück. Am besten ganz schnell. Es ist immernoch harte Arbeit dieser Stimme nicht immer Gehör zu schenken.

 

2. Meine Angst vor dem Tod resultiert (unter anderem) daraus, dass ich auf ein "später" hoffe. Auf einen Zeitpunkt, an dem ich endlich das mache, was mein Herz will. Ich kann nur lernen, mit dieser Angst umzugehen, indem ich einfach jetzt mache, was mir wirklich wichtig ist. Und nicht, was die Gesellschaft erwartet. Denn Irgendwann ist irgendwann zu spät. Problem: Ich weiß nicht genau, was meinem beruflichen "Wichtig" entspricht. Aber das finde ich schon raus.

 

Also nochmal abschließend:

Danke lieber Krebs, dass du mir gezeigt hast, dass das Leben zu kurz ist für "okay". Ich werde meine Komfortzone jetzt verlassen und mich ins Ungewisse stürzen. Das fühlt sich aufregend an, spannend und vor allem lebendig.

Dich brauche ich dabei nicht.

 

Auf Nimmerwiedersehen,

deine Vic."

 

Ich freue mich, wenn ihr mir eure Gedanken dazu hinterlasst oder den Brief mit jemandem teilt, der ihn gerade braucht.

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Kommentare: 10
  • #1

    Bine (Donnerstag, 30 November 2017 15:54)

    Liebe vici!
    Ich finde es toll, dass du diesen Blog schreibst! Seitdem ich von deiner Diagnose weiß, habe ich mir viele Gedanken gemacht. Um dich, um euch, um uns, über Gesundheit und Krankheit, über das Leben. Ich habe mich auch ständig gefragt, wie es dir geht, was in dir vorgeht, ob du Unterstützung hast oder brauchst. Gleichzeitig wollte ich dich nicht nerven, schon gar nicht "nur" über Handy. Und die Worte fehlen einem irgendwie auch. Alles erscheint so unpassend und fehl am Platz. Gleichzeitig will man dich nicht über deine Krankheit "ausfragen", da man nicht weiß: möchtest du darüber sprechen oder lieber einfach mal nichts davon hören. Aber in erster Linie bist du meine Freundin und nicht melden, bloß weil man nicht weiß was man sagen soll, kommt überhaupt nicht in Frage!
    Ich freue mich jetzt regelmäßig in deinem Blog zu lesen, was dich bewegt, was du fühlst und wie es dir geht. Ich bin gespannt wohin dich deine Reise führt und freue mich ein Teil davon zu sein :-*

  • #2

    Heike aus der Brustkrebs Gruppe v.fc (Donnerstag, 30 November 2017 16:02)

    Bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen und dieser Brief ist einfach wunderbar.Danke das du ihn mit anderen teiöst.

  • #3

    Sabine Kruif (Donnerstag, 30 November 2017 17:18)

    Liebe Vici,
    Wow ganz toll geschrieben. Kann es git nachempfinden. Hab im August die Diagnose bekommen und bin eigentlich auch nur damit beschäftigt wann endlich die Therapie rum ist und ich wieder mein altes Leben zurück bekomme. .....aber das dauert noch.....lg Sabine

  • #4

    Marinette Schöniger (Sonntag, 03 Dezember 2017 21:27)

    Liebe Vici,
    vielen Dank für deine Offenheit. Bei mir ist die Behandlung nun schon 10 Jahre abgeschlossen! Damals bin ich auch stehengeblieben und hab zugehört und ich bin sehr glücklich nicht mehr alles "verschoben" zu haben auf später. Viele Dinge durfte ich dadurch verändern und in meinem Leben viele neue Dinge ausprobieren und interessante Projekte anstossen. Der Krebs ist gegangen aber die Veränderung die er in Gang gesetzt hat ist geblieben und das macht mich immer wieder aufs Neue glücklich.Schön, wenn du durch diese Seite Neuerkrankte auf diese Seite der Erkrankung aufmerksam machst. Alle Liebe wünscht dir Marinette

  • #5

    Anita F. (Sonntag, 03 Dezember 2017 23:12)

    Liebe Vici! Dein Brief spricht mir aus der Seele. Hatte 2009 Brustkrebs und bin damals auch schnellstmöglich in mein Hamsterrad zurückgekehrt. Ich hab mir sogar noch mehr aufgeladen, wollte allen beweisen wie stark und gesund ich doch bin. Das Jahr 2009 hab ich einfach aus meinem Gedächtnis verbannt, ohne mich wirklich damit auseinandergesetzt zu haben. Heuer im Mai kam der Krebs zurück. Jetzt höre ich hin, anscheinend brauche ich einen zweiten Tritt in den A... um es zu kapieren. Momentan weiß ich auch noch nicht konkret, wie es beruflich weiterlaufen wird. Aber es wird sich etwas ändern und wenn ich es geschafft habe, werde ich wissen warum. Das Leben ist zu schön, um es mit Stress,Hektik und Ärger zu verschwenden.Liebe Grüße und alles Gute!

  • #6

    Angie (Montag, 04 Dezember 2017 13:17)

    Ich kann nur sagen: Du sprichst mir aus dem Herzen und schreibst genau DAS nieder, was ich empfinde. Danke!!!

  • #7

    Antje (Mittwoch, 06 Dezember 2017 20:00)

    Du sprichst mir aus der Seele...meine Diagnose war auch vor einem Jahr, nach OP,Chemo und Bestrahlung folgten fünf Wochen Reha ,die mich komplett verändert und aufgewühlt hat.
    Nichts ist mehr wie es war. Jetzt brauche ich Zeit für mich. Die Therapien haben mich immer weiter machen lassen, jetzt habe ich ein Gefühl der Leere.

  • #8

    Andrea Jordan (Mittwoch, 06 Dezember 2017 21:17)

    Wunderbar ausgedrückt-auf den Punkt gebracht-leicht gewürzt mit feinem Humor-der tief blicken lässt und Gedanken die tief gehen.
    Danke!

  • #9

    Victoria - im.herz.barfuss. (Sonntag, 28 Januar 2018 22:35)

    Vielen Dank ihr Lieben für Eure Kommentare. Mir geht das Herz auf, wenn ich sie lese. Es ist unglaublich, welche Resonanz ich bekomme. Es ist so schön, dass es Euch gibt!!!

  • #10

    Bettina (Samstag, 03 Februar 2018 15:56)

    Von mir auch vielen Dank für Deine offenen Worte, denen ich mich gerne anschließe. Auch ich erhielt vor knapp einem Jahr die Diagnose. Nach 2 OP's, 16 Chemos und 28 Bestrahlungen ist das Biest hoffentlich ausgemerzt. Nun befinde ich mich kurz vor der AHB. Während der ganzen Termine und Therapien hatte ich gar keine Zeit, über alles nachzudenken. Das kommt gerade ... Mein altes Leben war nicht schlecht, ich habe mich nie beklagt, jedoch möchte ich einiges ändern: keine Überstunden mehr; wenn ich mich nicht fühle oder Schmerzen habe, bleibe ich zu Hause - und zwischendurch komme auch mal nur ich � und das ohne schlechtes Gewissen. Ich hoffe, die AHB hilft mir dabei. Für Dich weiterhin alles Gute ���