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Haarlos glücklich?!

Seit dem letzten Post, meinem Brief an den Krebs, sind nun schon einige Tage vergangen. Ich brauchte etwas Zeit, um mit mir und den Reaktionen auf den Brief klarzukommen. Euer Feedback hat mich tief berührt und ich bin so dankbar, dass ihr eure Gedanken mit mir teilt. Ich habe dann auch überlegt, ob ich noch etwas zu dieser Krankheit schreiben kann und will, denn eigentlich war das nicht meine Intention bei diesem Blog. Aber Sch*** auf „eigentlich“ – eure Rückmeldungen haben mich dazu bewogen, noch einmal etwas zu schreiben, bevor ich euch mitnehme auf die Suche nach dem „Warum?“ in meinem Leben.

 

 

Heute möchte ich noch etwas mit euch teilen, was mir sehr am Herzen liegt und worüber ich mir bei mir selbst und bei meinen Mitstreiterinnen oft Gedanken gemacht habe: Haare. Es gibt wenig andere Themen, über die während der Erkrankung und Therapie so häufig geredet wird wie über die Haare. Dabei ging es mir am Anfang ungefähr so: „Oh Gott, eine Chemo bedeutet ich verliere meine Haare. Kann ich vielleicht Medikamente bekommen, bei denen ich die Haare nicht verliere? Nein? Menno. Was mache ich dann? Ich kann nicht ohne Haare raus? Was denken die anderen? Was denken die Kinder? Ich brauche eine Perücke. Perücke. Das klingt schon ziemlich blöd. Vielleicht reichen auch Mützen. Ich brauche Mützen. Viele Mützen. Amazon sagt, wenn ich Mützen kaufe, könnten mir auch diese Tücher und Turbane gefallen. Wirklich jetzt? Nein, Mützen reichen. Na gut und eine Perücke. Aber die muss dann aussehen wie meine Haare jetzt. Oder schöner. Aber auf keinen Fall nach Perücke. Oh Gott, denke ich über Perücken nach? Ich will meine Haare nicht verlieren… Vielleicht fallen sie ja doch nicht aus…“ All diese Gedanken kamen in ca. 5 Sekunden. Maximal 10. Durcheinander.

 

 

Dann begann die Therapie. Die Hoffnung, dass die Haare vielleicht, wie durch ein Wunder, genau mir nicht ausfallen, wurde mir nach rund 3 Wochen genommen. Auf einmal hatte mein 6 Monate alter Sohn ein Büschel meiner Haare in den Händen. Eine Welt ist zusammengebrochen. Erst später konnte ich mir die Frage stellen, warum mich das so aus der Bahn geworfen hat. Es hatte sich ja nichts an meinem Gesundheitszustand geändert. Ich hatte „nur“ Haarausfall. Da ich nicht so der geduldige Typ bin, beschloss ich, die Haare gleich abzurasieren. Auf wochenlangen Haarteppich in der Wohnung und Kuhflecken auf dem Kopf hatte ich wenig Lust. Also mussten sie weg. Meine große Tochter hat mir geholfen, voller Eifer, mit Spaß. Auch das habe ich erst später verstanden. Also warum hat mich der Haarverlust nochmal so schockiert? Er hat ja an der Diagnose nichts geändert. Im Nachhinein glaube ich, dass ich nicht damit klar kam, dass es jetzt für alle offensichtlich ist. Ich habe keine Haare. Ich habe Krebs. Ich bin nicht mehr, die die einfach so irgendwo steht, sondern die Kranke, die sich zeigt. Ich gehöre jetzt dazu. Dazu zum Club der Krebskranken. Herzlichen Glückwunsch. Ich bin ja eher nicht so der Club-, Vereins- und Schubladen-Typ. Bis zum Tag des totalen Haarverlustes konnte ich trotz Chemo noch das Außenbild wahren, habe selbst entschieden, wem ich von der Krankheit erzähle und wem nicht. Plötzlich einfach so zu den Kranken zu gehören – das war ziemlich schockierend.

 

 

In den kommenden Wochen und Monaten hatte ich ausreichend Zeit, mich mit meiner neuen Frisur anzufreunden. Ich habe angefangen mich zu fragen, warum offensichtlich alle Frauen, zumindest zu Beginn des Haarverlustes, so darunter leiden. Für mich lag das an zwei Punkten.

 

 

1)  1)    Psychologen belegen, dass ein Mensch, auch in unserer ach so emanzipierten Welt, zunächst nach dem Äußeren bewertet wird. Ist jetzt keine Überraschung. Die Attraktivität einer Frau wird dabei an zwei Merkmale geknüpft: Brüste und Haare. Beides war ein sehr schwieriges Thema. Die Attraktivität und der Wert einer Frau nehmen im Laufe des Lebens oberflächlich gesehen ab. Haare werden stumpf, kurz und grau. Der Verlust der Haare ist somit für viele Frauen und auch für mich ein Schock. Wir verlieren einen wesentlichen Teil unserer Weiblichkeit. Wir fühlen uns nicht mehr vollständig, nicht mehr attraktiv und nicht mehr als Frau wahrgenommen.

 

 

2)   2)  Wie oben angedeutet, ist der Haarausfall bei Frauen in den allermeisten Fällen ein Zeichen von Krankheit. Das signalisiert vielen Menschen, die man nicht kennt, aber leider auch welchen die man kennt, dass sie lieber Abstand halten sollten. Plötzlich wird man nicht mehr als Person wahrgenommen, sondern nur noch als Kranke. Es gibt keinen Ausweg. Menschen bekommen Angst, mit einem zu reden. Sei es aus Angst vor der Konfrontation mit der Krankheit, den damit verbundenen Emotionen oder schlichtweg aus Unsicherheit bezüglich der Gesprächsthemen.

 

 

 

Diese Punkte haben bei mir dazu geführt, dass ich mich zunächst nur einem sehr engen Kreis mit Glatze gezeigt habe. Es fällt mir jetzt noch schwer, das Wort „Glatze“ zu benutzen. Es klingt so… männlich u

nd hart und negativ. Doch irgendwann kam der Moment, an dem ich mich gefragt habe, warum ich mich eigentlich verstecke. Nicht nur, dass mir die Meinung anderer am Allerwertesten vorbeigehen kann, sondern habe ich mir diese Krankheit ja nicht ausgesucht, um andere damit zu schockieren. Ich habe verstanden, dass ich immer noch „Ich“ bin. Halt gerade ein haarloses „Ich“. Ein „Ich“, was gerade krank ist. Aber „Ich“ bin nicht die Krankheit.

 

 

Es gab dazu zwei Aha-Erlebnisse. Das erste war mit meiner Tochter. Als ich zum ersten Mal die Perücke aufprobiert habe, hat sie mich nur gefragt, was das jetzt sei. Ich habe es ihr erklärt. Nach einiger Zeit bat sie mich, mit ihr spielen zu kommen. Als ich bejahte, fügte sie an: „Aber diese Haare lässt du da auf dem Tisch.“ Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Meine kleine Tochter hat mir mit nur einem Satz gezeigt, was wirklich zählt: eine authentische Mama. Ohne Haare. Und keine Fake-Mama mit Fake-Haaren. Puuh.

 

Das zweite Erlebnis war mit meinem Mann. Ich muss dazu sagen, dass ich seit wir uns kennen (und das sind schon ein paar Tage) immer gesagt habe, dass ich ihn nur mit langen Haaren heirate. Warum? Ich weiß es nicht genau. Ich hatte das typische Bild im Kopf von mir als Braut mit langen blonden Haaren. Die Krankheit und das Hinterfragen von dem ganzen „das machen wir dann später mal“-Bullshit in unserem Leben hat dann dazu geführt, dass wir noch während der Chemotherapie geheiratet haben. Kahlköpfig im Standesamt München. Und warum? Weil es auch meinem Mann vollkommen egal ist, ob ich Haare habe oder nicht. Und deswegen liebe ich ihn. (Anmerkung: Pfiffi, die Perücke, durfte in meiner Handtasche mit ins Standesamt, um nach der Zeremonie ein nettes Foto für die Verwandtschaft zu machen – mit „Haaren“.)

 

 

Also kamen dann immer mehr Menschen in den Genuss meines kahlköpfigen Anblicks – zunächst Freunde und Bekannte, irgendwann alle Menschen an den Orten, an denen es mir für die Mütze zu warm war. Und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass das leicht war. Nein, es hat sich jedes Mal angefühlt wie ein kleiner Schock für die anderen und ein großer Schock für mich. Aber es tat auch gut. Es hat Nähe hergestellt, Offenheit und Vertrauen. Ich würde gern sagen, dass ich die Haarlosigkeit irgendwann akzeptieren konnte und sie normal geworden ist. Aber auch das stimmt nicht. Ich habe einfach nur verstanden, dass mich diese „Frisur“ jetzt eine Weile begleitet und ich diese Tatsache nicht ändern kann, egal wie viel Energie ich in Ärgern, Hoffen und Wut investiere. Es gab nur einmal einen Moment, es war Frühling und die Sonne reichte zum ersten Mal aus um im T-Shirt rauszugehen, da habe ich nach einigen Minuten festgestellt, dass diese Bauarbeiter mich aber gerade ziemlich angestarrt haben. Und dann fiel mir auf, dass ich ohne Kopfbedeckung unterwegs war und noch nicht mal einen Gedanken daran verschwendet habe. Das sollte aber auch der einzige Moment bleiben.

 

 

Seitdem berührt es mich immer zutiefst, wenn ich Frauen sehe, die ihre Glatze verstecken. Wenn ich sie kenne, habe ich das Glück mit ihnen darüber reden zu können. Das ist total spannend, denn am Ende ist das Zeigen des kahlen Kopfes eine der persönlichsten Entscheidungen während der Therapie. Als eine Freundin einmal im Beisein von uns Mitstreiterinnen zum ersten Mal einen ganzen Abend ohne Mütze mit uns unterwegs war, hat mich das total berührt. Denn ich glaube, gerade in der schweren Zeit dieser Krankheit und der Therapie ist es so wichtig zu verstehen, dass wir alle bereits vollkommen perfekt sind. Und dabei spielt es keine Rolle wie wir aussehen und was anderen von uns denken. Wir sind gut, so wie wir sind. Wir müssen uns nicht verstellen, uns anpassen. Wir haben das Recht und die Pflicht uns den anderen Menschen zuzumuten – und zwar genau so wie wir in diesem Moment sind. Das gilt nicht nur für die Phase der Haarlosigkeit. Es lässt sich auf sehr viele Momente in unserem Leben übertragen, in denen uns die Meinung der anderen so wichtig ist, dass wir uns selbst verstellen.

 

 

Also hier mein Wunsch an alle da draußen und vor allem an meine Mitstreiterinnen:

Scheißt auf Haare und Brüste – ihr seid mehr als das. Ihr seid perfekt. Genauso wie ihr jetzt gerade seid.

 

 

Fühlt euch gedrückt,

 

Eure Vic.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Elke (Mittwoch, 13 Dezember 2017 22:23)

    Guten Abend,
    was für ein schöner und wahrer Text.
    Das Ding mit den fehlenden Haaren. Als ich meine geliebten Langen Haare nach der Diagnose zum Lurzhaarschnitt machen ließ, hab ich geheult wie ein Schlosshund. Die Friseurin meinte:"Sieht doch flott aus."
    Und ich dachte:" Dieses Wort haben Friseure erfunden um zu kaschieren, daß die Haare keine jugendliche Mähne mehr hergeben."
    Meine Kinder sind noch zu klein zum Sprechen. Aber sie zerren mir alles vom Kopf und streicheln dann die Glatze.
    Jetzt ist es ja gerade Winter, und sch* kalt, so ohne meinen dicken, langen Naturpelz, also immer Mütze oder Tuch.
    Heute, pack ich meine zwei Buben ins Auto und weil das gerade (in der Chemo) so anstrengend für mich ist und mir so heiß wird, lag die Mütze auf dem Beifahrersitz. Jungs drin, Türen zu, aufgeblickt. Auf der anderen Strassenseite, steht die Nachbarin und der Junge von 5 Häuser weiter und starren mich an. Also hab ich gewunken und gedacht:"Warum starren die so?"
    Ums Auto, eingestiegen, angelassen, Lüftung hoch gedreht. Nanu, warum zieht es den so am Kopf? Ah, keine Mütze, sichtbare Glatze, deshalb das Gestarre.
    Im dem Moment wurde mir klar, jetzt gehört sie einfach zu mir und andere Dinge, wie schnell ins Auto, nicht schwitzen usw sind wichtiger als "oh was denken die Leute". Ich denke nicht mehr daran, öffne den Postboten ohne Mütze und renn raus, um den Müll raus zu bringen. Eigentlich dachte ich, keine Wimpern mehr, wäre total schlimm. Ist es auch nicht. Total schlimm ist, nicht genug Kraft zum Toben mit den Jungs zu haben. Der Rest ist sooooo egal. Wieder gesund werden, ohne Angst leben, wieder Kraft haben, keine Neueopathien zurück behalten, wieder schmecken können, kein Lymphödem. Es gibt so viel wichtiges, wieder Haare haben zähl ich nicht mehr dazu.

    Nur eines ist Wichtig, möglichst lange, möglichst gut mit seinen Lieben leben zu können. Der Rest ist Deko.

    Liebe Grüße
    Elke

  • #2

    Krüger Renate ehemals Germer (Mittwoch, 20 Dezember 2017 19:55)

    Liebe Vici. Total gerührt von Deinen Worten, kann ich gar nicht anders. Ich muss schreiben.Wir kennen uns sooooo viele Jahre. Du warst in der Klasse meiner Tochter Bianka.
    Wahnsinn, was Du für eine starke Frau bist. Beim lesen Deiner Worte, war Gänsehaut pur und Tränen in den Augen angesagt. Ich bin total überwältigt und kann nur sagen: HUT AB!!!!!
    Schau weiter so stark nach vorn. Stark!!!!!!
    Liebe Grüße Renate Krüger ehemals Germer

  • #3

    Victoria - im.herz.barfuss. (Sonntag, 28 Januar 2018 23:09)

    Liebe Elke, liebe Renate,
    vielen Dank für Eure berührenden Kommentare. Ich bin dankbar, dass ihr lest was ich schreibe.
    Fühlt euch umarmt...

  • #4

    Lars (Freitag, 23 Februar 2018 13:20)

    Meine liebe Vic,

    Du weißt, ich bin nicht so auf F

  • #5

    Lars (Freitag, 23 Februar 2018 13:29)

    Facebook unterwegs, aber nachdem ich mir nochmal Deine Bilder von Indien angeschaut habe und geguckt habe, ob es Neuigkeiten gibt,bin ich auf Dein Profil und diesen Eintrag gestoßen. Wir kennen uns jetzt auch eine Weile und mir ist der Moment als Du mir zum ersten Mal mit kahlen Kopf gegenüber gesessen hast sehr präsent. Aber anstatt Dich zu bemitleiden, musste ich Dir erstmal sagen wir gut Dir dieser Look steht und Du deinem Mann starke Konkurrenz machst. Doch das ist nicht der Grund warum ich hier schreibe, sondern weil ich dem lesen Deiner Zeilen einfach nur stolz auf Dich bin, wie Dein Leben / Beruf und die Familie trotz Krankheit unter einen Hut gebracht hast. Du hast Mut, bist stark und neugierig, daher glaube ich fest daran, dass Du in Indien all das erfahren wirst, wo Du aktuell vielleicht noch suchst. Ich bin gespannt auf Deine Haarpracht zu Deiner Hochzeit und ziehe meinen Hut,für diesen Blog. Du bist ganz groß!

    Dicke Umarmung
    Lars