· 

Dankbar für das schwerste Jahr.

 

Was auch immer im letzten Jahr passiert ist, sei dankbar dafür, wohin es dich gebracht hat. Denn du bist jetzt genau dort, wo du sein solltest.
Wenn mich jemand nach dem letzten Jahr fragen würde, würde ich wahrscheinlich sagen, dass es das schwerste Jahr in meinem Leben war. Das Jahr, was mich am meisten Kraft gekostet hat. Das Jahr, was mich körperlich und emotional an meine Grenzen und, ja, darüber hinaus gebracht hat. Das Jahr, in dem ich manchmal nicht wusste, ob ich genug Kraft habe, um den ganzen Mist durchzustehen. Das Jahr, was mein Urvertrauen erschüttert hat. Es war intensiv. Intensiv aber nicht nur in negativer Hinsicht, sondern auch in positiver. Ich habe mich selbst und einige Menschen in meiner Umgebung viel intensiver kennengelernt. Ich habe meine Emotionen und die der anderen viel intensiver kennengelernt. Und ich habe, irgendwie, auch das Leben intensiver kennengelernt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über diese ganz unterschiedlichen Erfahrungen möchte ich heute schreiben. Heute, am Heiligen Abend, geht es mir dabei nicht nur um einen Rückblick, sondern auch um einen Perspektivenwechsel auf mich, auf andere Menschen, auf das Leben.

Genau vor einem Jahr, an Weihnachten, hätte ich wahrscheinlich jeden der mir etwas von Perspektivenwechsel erzählt, entweder ausgelacht oder mit einem durchdringenden Blick gestraft und anschließend ignoriert. Die Zeit war einfach noch nicht reif dafür. Ich hatte die erste Runde der Chemotherapie hinter mir, fühlte mich krank, kraftlos und allein. Niemand hat mich allein gelassen, alle waren da, alle haben geholfen, aber ich habe mich trotzdem allein gefühlt. Irgendwie auch allein von mir selbst. Falls es sowas gibt. Es gab das „alte Ich“ – das mit dem schönen Leben, in dem sich alles gut angefühlt hat und die Sorgen klein waren. Dieses alte Ich hatte sich aber mit der Diagnose verabschiedet. Es war einfach weg. Was blieb war Leere. Der Platz dieses Ichs war noch nicht neu besetzt. Und so sehr ich mir es auch wieder an seinen Platz wünschte, es hatte sich für immer verabschiedet. So kam es dann, dass ich am Heiligen Abend, als die Kinder eingeschlafen waren und der Trouble sich gelegt hatte, nicht mehr die Kraft hatte aufzustehen. Ich lag einfach im Bett und weinte dem alten Ich nach. Bis ich vor Erschöpfung einschlief.

 

In diesem Moment sah ich nur, dass das alte Ich weg war. Das tat unendlich weh. Was ich noch nicht sehen konnte war aber, dass durch diesen Abschied Platz für etwas Neues geschaffen wurde. Für ein neues Ich, für ein neues Leben. Und ich hatte, ohne mir dessen auch nur ansatzweise bewusst zu sein, die Chance für einen Neuanfang. Die Magie des Neuanfangs steckte in mir. Die Zeit war aber noch nicht reif. Und obwohl ich mich in der Zeit der Therapie schon viel mit mir beschäftigt hatte, begriff ich das Ausmaß dieser Chance erst ein halbes Jahr später. In dieser ersten Zeit versuchte ich es zum Beispiel mit einem Coaching. Aber das Coaching kann halt nicht besser sein, als die Leitplanken, die der Kunde vorgibt. Und wenn diese Leitplanken dem alten Ich entsprechen, wird nichts Veränderndes herauskommen. Dazu werde ich bald noch einen extra Post schreiben, denn das würde jetzt ausufern.

 

Also was hat mir dieses erste halbe Jahr nach Weihnachten schon gebracht? Wie gesagt, der Perspektivenwechsel ließ noch etwas auf sich warten. Trotzdem bin ich für drei Punkte dankbar, in denen sich bei mir etwas bewegt hat:

 

1.       Zeit. Diese Phase hat mir vor allem Zeit geschenkt. Ja, ich weiß, wir haben alle gleich viel Zeit und sie vergeht auch immer gleich schnell, aber die arbeitsfreie Zeit während der Therapie hat mir Zeit für mich und meine Liebsten gegeben, die ich mir sonst nicht genommen hätte. Zeit für wochenlange Besuche in der Heimat, Zeit für freie Tage mit meinem Mann und meinen Kindern. Diese Stunden waren so unendlich wertvoll und ich möchte sie nicht mehr missen.

 

2.       Fähigkeit, Hilfe anzunehmen. Am Anfang der Therapie fiel mir das so unglaublich schwer. Ich wollte weiter stark sein. Weiter alles managen. Aber irgendwann ging das nicht mehr. Um meine Kinder versorgen zu können, war ich, vor allem in den Tagen direkt nach der Chemo, auf die volle Unterstützung angewiesen. Und obwohl es sich am Anfang wirklich schwierig angefühlt hat, war es angenehm. Angenehm, weil ich gemerkt habe, wie gerne mir die Menschen in meiner Umgebung helfen. Wie es Ihnen dabei gut geht. Wie sie absolut keine Gegenleistung erwarten. Das hat mir gezeigt, dass ich nie allein sein werde. Es gibt so viele Menschen, die ich liebe, die mich lieben und die immer da sind wenn ich sie brauche. Und das fühlt sich gut an.

 

 

3.       Loslassen. Das hört sich im ersten Moment vielleicht etwas komisch an, aber ich werde es euch erklären. Ich habe gelernt, Dinge und vor allem Menschen loszulassen, die mir nur Energie rauben und mich nicht weiter bringen. In der Zeit der Chemo hatte ich nicht genug Energie, um in Beziehungen nur zu geben, wie ich es vielleicht vorher gemacht habe. Das war hart, aber auch ein sehr guter Filter. Manche Menschen sind dadurch einfach von meiner Bildfläche verschwunden, weil sie nur Nehmer waren. Andere Menschen waren auf einmal viel enger an meiner Seite und haben mir unerwartet viel Energie gegeben. Diese Zeit hat einfach alle Beziehungen auf den Prüfstand gestellt. Manche habe ich daraufhin losgelassen, manche sind jetzt so intensiv, dass sie noch sehr sehr lange bestehen werden.

 

Das große Aha-Erlebnis, was ich auch in früheren Posts schon erwähnt habe, kam dann im Sommer. Es entstand durch eine Kombination mehrerer Dinge. Zum einen war die Therapie vorbei und ich hatte ohne ständig im Überlebensmodus zu sein, Zeit für mich. Zum anderen habe ich ein unglaublich inspierendes Buch gelesen und hatte während langer Waldspaziergänge auch Zeit, das Gelesene zu reflektieren. Und schließlich habe ich eine wahnsinnig tolle Frau kennengelernt, die den Perspektivenwechsel schon vollzogen hat. All diese Sachen zusammen haben dazu geführt, dass mir plötzlich klar wurde, dass ich genau jetzt die Möglichkeit habe, mein Leben noch einmal neu zu ordnen. Die Krankheit hatte die alte Ordnung sowieso zerstört. Warum dann also nicht gleich eine neue Ordnung herstellen, die mehr meinem Wesen entspricht? Warum nicht einmal alles auf den Prüfstand stellen und nur das weiterverfolgen, was mir wirklich am Herzen liegt? Ich habe verstanden, dass ich allein über die Richtung meines Lebens bestimme und das Leben nicht einfach so passiert. Von nun an wollte ich Regisseur sein und nicht nur Darsteller. Falls ihr nun neugierig auf das Buch geworden seid, müsst ihr euch noch etwas gedulden. Der Post dazu folgt Anfang nächsten Jahres. Und auch wie ich diesen Weg der Selbstbestimmung und persönlichen Weiterentwicklung weiter beschritten habe und noch tue, werde ich euch Stück für Stück präsentieren. Vielleicht habt ihr ja auch den ein oder anderen Tipp für mich.

 

Für heute ist es mir einfach wichtig, euch von diesem Perspektivenwechsel zu berichten und euch dazu zu inspirieren, ihn auch zu vollziehen. Weg von der Opferrolle hin zu Dankbarkeit und neuen Möglichkeiten. Mich persönlich hat dieses schwere Jahr persönlich sehr viel weiter gebracht. Ich habe extrem viel über mich, mein Leben und das, was mir wichtig ist, gelernt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Ich fühle, dass ich jetzt gerade genau dort bin wo ich hingehöre. Es öffnen sich neue Türen und Wege. Dies wäre ohne die Krankheit nicht passiert. Deswegen nutze ich Weihnachten um innezuhalten und allen Dingen und Menschen zu danken, die mich hier her gebracht haben. Ich danke meinen Liebsten, meiner Familie, meinen Freunden, meinen Bekannten, den Ärzten und Schwestern, meinem Arbeitgeber, Chef und Kollegen und den fremden Menschen auf der Straße, die mir scheinbar zufällig ein Lächeln geschenkt haben, wenn ich es am dringendsten brauchte. Ich danke aber auch der Krankheit, der Übelkeit, dem Haarverlust und der Kraftlosigkeit. Durch sie weiß ich wieder zu schätzen, was ich alles bin und habe.

 

Danke!

 

Du hast bis hier hin gelesen? Dann hast du dir noch einen kurzen Tipp verdient. Vielleicht gab es auch in deinem Leben im letzten Jahr etwas, was nicht leicht war, etwas bei dem du dich als Opfer oder ungerecht behandelt gefühlt hast. Nimm dir doch jetzt an Weinachten fünf Minuten für dich, schließ die Augen und überleg, was an dem ganzen Mist doch positiv war. Wie es dich weitergebracht hat. Wiederhole diesen positiven Effekt ein paarmal in Gedanken bis du ihn fühlst. Und dann geh mit diesem guten Gefühl wieder zurück zu deinen Lieben und genieße diese besinnliche Zeit. Und wenn es bei dir so ist wie hier, nämlich dass alles gerade sehr aufgeregt und voll ist, dann such dir einen ruhigen Ort für diese Übung. Ich benutze dann immer das Klo. Klingt zwar etwas komisch, aber das ist der einzige Ort, an dem sich niemand traut mich zu stören, auch wenn ich da mehrere Minuten drinnen bin. Ein Hoch auf das STILLE Örtchen.

 

In diesem Sinne: Frohe und besinnliche Weihnachten!

Eure Vic.

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Franzi (Montag, 25 Dezember 2017 09:40)

    Danke für die Einblicke in deine innere Welt. Wir können alle viel von dir lernen. Ich drück dich!

  • #2

    Nadine (Montag, 25 Dezember 2017 15:52)

    Sehr toll geschrieben Maus. Ich lese Deine Beiträge sehr sehr gerne. �

  • #3

    Catrin (Dienstag, 26 Dezember 2017 09:31)

    Liebe Vic,
    eben bin ich auf deine Seite gestoßen und sie hat mich sehr berührt. Vor allem deshalb,weil ich mich in deinen Zeilen wiedergefunden habe und all dein Erlebtes nachempfinden kann.
    Ich wünsche dir alles Liebe und soviel Zuversicht und Kraft wie für uns nötig ist um weiter nach vorn zu schauen.
    Liebe Grüße von Catrin

  • #4

    Victoria - im.herz.barfuss. (Sonntag, 28 Januar 2018 22:37)

    Danke ihr drei Lieben für Eure Kommentare. Ich fühle mich geehrt, dass ihr meine Zeilen lest...