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Warum wir Träume nicht begründen, sondern verfolgen sollten: ein Plädoyer für Mädchenträume.

oder: der etwas andere Hochzeitsbericht.

 

"Wenn ich dich mal heirate, dann nur mit langen Haaren." Diesen Satz hat mein Mann jahrelang immer wieder von mir gehört. Und jahrelang kam ich mir doch immer etwas albern vor, wenn ich es gesagt habe. Denn eigentlich weiß ich doch, dass es in einer Partnerschaft nicht auf das Äußere ankommt. In unserer schon gar nicht. Mein Mann hat es nie verstanden, wenn ich stundenlang im Bad stand, um mich zu schminken und meine Haare zu machen. Er findet mich am schönsten, wenn ich einfach so war wie ich bin - ohne Make-Up, mit zerzausten Haaren und in seinem T-Shirt. Also konnte er natürlich nicht verstehen, warum es mir wichtig ist, mit langen Haaren zu heiraten. Und ich konnte es auch nicht wirklich erklären. Es war halt so. Ein Mädchentraum. Ohne Begründung. Ohne Logik. Und genau deswegen kam ich mir beim Aussprechen dieses Satzes so komisch vor. Denn jahrelang fühlte ich mich als Person nur gut genug, wenn ich alles, was ich sagte, logisch begründen konnte. Wenn es Hand und Fuß hatte. Da passte so ein Kommentar nicht rein.

 


Doch der Gedanke verließ mich nicht. Immer wieder hatte ich Bilder von meiner Hochzeit im Kopf. Wenn ich mir mal wieder die Haare abschneiden ließ, was häufig vorkam, dann habe ich immer überlegt, wann die Haarlänge wieder für die Hochzeit ausreichen würde. Und gleich danach habe ich mich innerlich dafür verurteilt, welche oberflächlichen und bescheuerten Gedanken ich denn habe. Im Urteilen war ich nämlich ganz gut. Sowohl mir, als auch anderen gegenüber.

 


So war die Situation jahrelang. Ich denke über Haare bei meiner Hochzeit nach, für die ich noch nicht mal einen Antrag bekommen habe. Der kann ja sowieso auch erst kommen, wenn die Haarpracht stimmt. Doch es sollte zunächst anders kommen.

 

Diagnose Krebs: Wie mein Traum zur Nebensache wurde.

Es kam eine Situation, in der plötzlich alles hinten anstand, was mit irgendwelchen Feierlichkeiten, Kleidern oder Haaren zu tun hatte: Diagnose Krebs. Und damit verbunden, der unbedingte Wunsch, dass die Kinder versorgt sind, falls es nicht gut ausgeht. Der Wunsch, dass alle organisatorischen Dinge geregelt sind. Der Wunsch, dass der Mann an meiner Seite im Ernstfall alles regeln kann und rechtlich darf. Und all diese Wünsche führten dazu, dass ich meine Mädchenträume von der Langhaar-Hochzeit hinten anstellte. Wir heirateten einfach. Ohne jemandem Bescheid zu geben. Nur im Standesamt. Und: ohne Haare. Ganz ohne Haare.

 


Eine Hochzeit mit Glatze war so ziemlich das Entfernteste von meinem Traum, was ich mir vorstellen konnte. Und doch war dieser Tag wunderschön und ich würde mich immer wieder dafür entscheiden. Denn am Ende kommt es auf die Haare natürlich nicht an. Sondern nur auf eines: die Liebe. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber an diesem Tag, an dem ich haarlos mit meinen Liebsten im Standesamt stand, ist mir die eigentliche Tiefe dieser Liebe noch einmal bewusst geworden. Irgendwie war es ja auch befreiend. Die Befreiung von dem Glaubenssatz, dass ich tolle Haare brauche, um liebenswert zu sein.

 

Standesamtliche Trauung im März 2017.
Standesamtliche Trauung im März 2017.

Was uns antreibt: Traum vs. Glaubenssatz

Was mir nach der Trauung bewusst wurde, ist eine ganz wichtige Unterscheidung: die zwischen Träumen und Glaubenssätzen.
Der Traum heißt: "Ich möchte mit langen Haaren heiraten, weil ich es einfach schön finde."
Der destruktive Glaubenssatz heißt: "Nur, wenn ich bei meiner Hochzeit lange Haare habe, wird mich mein Mann wirklich schön finden. Nur, wenn er mich schön findet, habe ich es verdient, von ihm geliebt zu werden."


Was ist jetzt der Unterschied? Der destruktive Glaubenssatz führt zu verkrampften Gedanken und Entscheidungen. Er führt dazu, dass man sich nie gut genug fühlt, um geliebt zu werden. Auch, wenn die Hochzeit mit langen Haaren passiert, wird sich das nicht ändern. Dann würde einfach ein neuer Glaubenssatz an die Stelle des Alten treten. Zum Beispiel so was wie: "Wenn ich hier nicht aufräume, wenn ich nicht zurückstecke, wenn wir uns streiten, dann habe ich es nicht verdient, von meinem Mann geliebt zu werden." Und dieses Karussell von Gedanken wird nicht enden. Es wird dich begleiten, egal was du tust.
Wenn es sich um einen Traum handelt, dann wirst du auch alles dafür tun, ihn zu erfüllen. Wenn er dann aber erfüllt wird, rückt kein Platzhalter nach. Ein Traum entspringt in deinem Inneren, zeigt sich immer wieder, spornt dich an und fühlt sich positiv an. Er führt nicht zu zwanghaften Handlungen.

 


In meinem Fall habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob dieses „lange-Haare-bei-der-Hochzeit-Ding“ ein Traum oder ein negativer Glaubenssatz ist. Ich habe mich ja sofort für diese Gedanken verurteilt, ohne mir die Ursache anzuschauen. Erst als die standesamtliche Trauung vorbei war, wurde mir klar, dass ich auf jeden Fall liebenswert bin. Immer. Egal welche Klamotten, Haare oder Make-Up ich trage. Somit gab es den destruktiven Glaubenssatz nicht mehr. Ich brauche keine Haare für mein Selbstwertgefühl. Danke an Paul Arsch für diese Erkenntnis.

 

Wie mein Mädchentraum mich nicht los ließ.

Es folgten die Planung für die Feier mit Familie und Freunden, die wir auf jeden Fall noch veranstalten wollten. Und obwohl der Glaubenssatz aufgelöst war, meldete sich immer noch etwas in mir. Etwas, dass ich nicht auflösen konnte und wollte: mein Mädchentraum. Hochzeit mit langen Haaren. Nicht, um geliebt zu werden. Nicht, um Komplimente von anderen zu bekommen. Nicht, für tolle Fotos. Sondern für mich. Ganz allein für mich. Weil ich es einfach cool finde, mit langen Haaren zu heiraten. Einfach so. Nicht logisch. Aus dem Bauch heraus. Für die Seele.

 


Also folgten Gespräche mit meiner liebsten Friseurin, meiner Schwester. Da die Haare nun mal nicht in einem Jahr von Glatze auf lang wachsen, wurden verschiedene Optionen diskutiert. Bis kurz vor der Hochzeit war nicht klar, ob es funktioniert mit den langen Haaren. Eigentlich war es eher so, dass nach und nach alle Möglichkeiten gestorben sind. Und immer wieder meldete sich mein Kopf, mein Verstand. Er erklärte mir, dass das doch nun wirklich etwas albern ist mit dieser Haargeschichte. Er erklärte mir, dass dies ja gar nicht zu meinem neuen Ich passt, welches sagt, wir tragen alles, was wir brauchen bereits in uns und sollten nicht nach Anerkennung von außen streben. Und so habe ich mich gar nicht richtig getraut, meine Enttäuschung zu zeigen, als es hieß, dass die Friseure das mit den langen Haaren nicht hinbekommen. Ich hätte mich albern gefühlt. Doch es stand ja nicht irgendein Friseur vor mir. Es war meine Schwester. Meine Seelenverwandte. Und als wir eigentlich schon fertig waren, schaute sie mich an und sagte, sie habe noch eine letzte Idee. Sie glaubt nicht, dass es funktioniert, aber versucht es mal. Und da war sie plötzlich. Die Frisur mit langen Haaren. Als ich in den Spiegel schaute, wusste ich sofort, dass es das ist. Mir schoss sofort in den Kopf, dass alle meine Hochzeitsgäste wissen, dass ich derzeit keine langen Haare habe und sich somit auch denken können, dass das auf meinem Kopf ein Haarteil ist. Früher hätte mich allein das aus der Bahn geworfen, weil mir so unglaublich wichtig war, was andere über mich denken. Aber in diesem Moment war es mir egal.

 

Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com
Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com

Mein Plädoyer: Jeder Traum hat es verdient, verfolgt zu werden.

Mein „Logik-und-ich-muss-alles-begründen-können-Ich“ verstummte zwar nicht ganz bis zur Hochzeit, aber mein Herz war stärker. Und plötzlich wurde mir klar, dass jeder Traum, so albern er auch manchmal klingen sollte, seine Berechtigung hat. Ich muss nicht alles begründen können. „Darum“ als Begründung ist total ausreichend. Und das „darum“ hat ausgereicht, um meinen Traum wahr werden zu lassen.

 

Deswegen mein Plädoyer: Verfolgt eure Träume. Auch die Mädchenträume. Auch die albernen Träume. Auch die verrückten Träume. Sie entspringen euren Herzen. Und was gibt es Wichtigeres, als in dieser kurzen Zeit, die wir auf dieser Erde haben, unser Herz so oft es geht zum Hüpfen zu bringen?

 

 

Feiert euch und eure Träume,

 

Eure Vic

 

Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com
Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com
Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com
Foto: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com

Zum Abschluss möchte ich mich ganz herzlich bedanken:

  • beim Team vom Friseur Exzess, allen voran bei meiner Schwester, sowie Anja, Jamie, Steffen und Christian für ihre Geduld und Kreativität. Diese Damen und Herren findet ihr hier: www.exzess.de
  • bei Tilman für die wundervollen Fotos, die mich immer noch zu Tränen rühren. Mehr zu ihm findet ihr hier: Tilman Vogler Fotografie / www.tilmanvogler.com
  • bei meinem Mann für dieses tolle Wochenende, die 11 Jahre davor und alles, was noch kommen wird.

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