· 

Brief an den Krebs - Teil 2

*** Gut ein Jahr nach meinem ersten Brief an den Krebs wurde es nun Zeit für eine Forsetzung: Brief an den Krebs - Teil 2. Die Veröffentlichung im Brustkrebs-Monat Oktober ist auch kein Zufall. Wenn du den ersten Brief (noch einmal) lesen möchtest, klicke einfach hier.***

 

 

München, Oktober 2018

 

„Lieber Krebs,

 

 

ich hoffe, du hast meinen Brief vor gut einem Jahr bekommen. Wo auch immer du gerade bist. Ohne dir zu nahe treten zu wollen, möchte ich dir doch gern sagen, dass ich die Zeit ohne dich sehr genossen habe. Dennoch hast du immer noch Teile meines Lebens bestimmt und das, obwohl du nicht mehr physisch anwesend warst. Ganz schön hartnäckig muss ich sagen. Sicher interessiert dich, was seit deinem Auszug passiert ist. Immerhin waren wir ja vorher ziemlich dicke.

 

 

Auch meine zweite Brust habe ich dir geopfert. Es war eine sehr schwere Entscheidung. Sie hat mir schlaflose Nächte und viele Tränen gebracht. Doch letztendlich wollte einfach sicher gehen, dass du dich nicht doch noch in irgendeiner Ecke versteckt hast, ohne dass ich dich bemerke. Also weg mit all dem Brustdrüsengewebe. Trotzdem werde ich in den nächsten Jahren jeden Tag an dich denken, wenn ich meine Tabletten nehme.

 

Ich habe im ersten krebsfreien halben Jahr nicht gearbeitet. Also nicht, um Geld zu verdienen. Stattdessen habe ich an mir gearbeitet, viel Müll von meinem Herzen weggeschafft, um die dort tiefsitzenden Wünsche freizulegen. Das war es doch, was du mir zeigen wolltest, oder? Sollte ich mich nicht daran erinnern, warum ich hier bin? Warum ich genauso bin, wie ich bin? Und sollte ich nicht verstehen, dass es Verschwendung wäre, mich meiner Lebensaufgabe und Bestimmung zu entziehen? So habe ich es zumindest verstanden. Um den Müll wegzuschaffen, habe ich viel gelesen, Seminare und Workshops besucht, meine Yogapraxis intensiviert und eine Psychotherapie gemacht. (Ja, herzlichen Glückwunsch! Dank dir habe ich nun einen offiziell bescheinigten Dachschaden.)

 

 

Was ich gesehen habe, als sich der Müll etwas gelichtet hatte war mein Herz, meine tiefen Wünsche, meine Persönlichkeit, mein Licht. Es wurde mir immer klarer, dass du mir ein Zeichen gesendet hast, weil ich auf dem falschen Weg war. Weil ich die Zeichen meines Herzens immer wieder übergangen habe.

 

Zur Verdeutlichung hilft vielleicht die Analogie zu einer Flugreise. Meine Lebensaufgabe ist der Zielort des Fluges, sagen wir: Sydney. Als ich klein war, war ich am Flughafen und wollte dorthin. Dann kamen ganz viele Leute am Flughafen und meinten, dass Sydney gar nichts für mich wäre und ich lieber nach New York sollte. Sie haben solange geredet und gehandelt bis ich es selbst geglaubt habe, in das Flugzeug nach NY gestiegen bin und ganz vergessen habe, dass es Sydney überhaupt gibt. Die Werbeanzeigen im Flugzeug für das Reiseziel Sydney waren dann einfach zu klein. Ich konnte sie nicht erkennen. Und wenn ich doch eine kleine Ecke erkannt habe, habe ich es sofort aktiv weggesperrt. Denn schließlich saß ich ja im Flieger nach New York. Dann kamst du. Du hast den Flieger, in dem ich auf meinem Weg nach New York saß, abstürzen lassen. Niemand weiß warum. Aber ich habe überlebt und obwohl es kein „Warum“ gab, gab es ein „Wozu“. Dieses „Wozu“ war, dass ich mich an Sydney erinnert habe und dass ich schnellstmöglich dorthin muss. Vor mir lag eine ganz schön lange Reise auf dem Rettungsboot. Sie war hart, kalt und fast hätte ich den Glauben daran verloren, dass ich noch einmal Land sehen werde. Doch ich habe es erreicht. Und da bin ich jetzt. Natürlich nur sinnbildlich – ich hoffe, dass hast du verstanden. Ich bin wieder an Land und auf dem Weg, mir meine Herzenswünsche zu erfüllen und die Welt mit dem, was mir mitgegeben wurde, ein Stückchen besser zu machen.

 

 

Klingt das alles etwas zu abstrakt für dich? Kann ich mir vorstellen, so als Krebs bist du ja eher von der groben Sorte. Aber ich erkläre es dir. Schließlich habe ich dir diesen Kurswechsel zu verdanken. Also hier zu den konkreten Fakten. Ich habe nach der Krankschreibung im letzten halben Jahr meinen Job als Ingenieurin bei einem namenhaften Automobilkonzern gekündigt. Das passierte ohne Groll und in voller Dankbarkeit für das, was ich dort gelernt habe und für die Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte.

 

 

Ich habe beschlossen, anderen Menschen dabei zu helfen, zu ihrer eigenen Stärke zurückzufinden. Denn ich glaube, dass in jedem riesiges Potential steckt – wir vergessen es nur manchmal oder glauben nicht daran. Und ich möchte die Menschen zurück zu ihrem Licht bringen, ohne dass du oder ein Kollege von dir sie besuchen muss. Also habe ich den Februar 2018 in Indien verbracht und dort eine Yogalehrer-Ausbildung abgeschlossen. Die Zeit dort war fantastisch und transformierend und hätte ohne dich nicht stattgefunden. Danke. Ich mache nun noch eine weiterführende Yoga-Ausbildung in München und bin auf dem Weg auch Seelenhaus-Berater zu werden. Mein Ziel ist es, Menschen mit diesen beiden Bausteinen auf verschiedenen Ebenen in ihrem Selbstfindungs- und Veränderungsprozess zu unterstützen.

 

 

Außerdem veröffentliche ich meine Gedanken auf meinem Blog. Ich möchte damit den Menschen eine Stimme geben, die auch von dir besucht wurden und noch nicht die richtigen Worte finden. Ich möchte ihnen helfen, sich aus dem Loch zu befreien, was du aufreißt. Denn ich kenne dieses Loch nur zu gut.

 

 

Es hat sich also viel getan bei mir. Und auch, wenn ich durchaus auf die Therapien und Nebenwirkungen hätte verzichten können, bin ich unglaublich dankbar, dass du mir die Augen geöffnet hast. Ich bin noch nicht am Ziel, aber der Weg, den ich jetzt eingeschlagen habe, ist unglaublich spannend, wunderschön und lebendig. Dabei ist es gar nicht wichtig, ob es eine Einbahnstraße ist oder eine Sackgasse oder ein Rundweg oder der direkte Weg zum Gipfel. Ich bin einfach unendlich dankbar für jeden Schritt den ich auf diesem Weg gehen darf. Ohne dich. Denn dich brauche ich dabei nicht.

 

 

Auf Nimmerwiedersehen,

 

Deine Vic.“

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0