· 

Was du beim Yoga fürs Leben lernen kannst.

Was hat Yoga mit deinem Alltag zu tun?

In manchen Yogastunden fragst du dich sicher auch, was das Ganze dort mit deinem Leben abseits der Matte zu tun hat. Bei all den alten Texten, Räucherkerzen und Verbiegungen ist es zugegebenermaßen auch nicht immer einfach, etwas von dem, was im Yogaraum passiert, mit nach draußen zu nehmen. Doch Yoga wäre nicht Yoga, wenn sich nicht etwas für dein „normales“ Leben ändern würde. Diese Änderungen sind nicht immer gleich direkt spürbar. Es ist vielmehr so, dass das ein Prozess ist, der die Veränderungen, die auf der Matte beginnen allmählich in deine ganze Persönlichkeit bringt. So profitieren du und deine Mitmenschen auf jeden Fall davon, dass du regelmäßig Yoga machst. Und es ist ganz egal, ob du das beabsichtigst oder nicht - es passiert allein durch das Üben. 

Yoga als Verstärker dieser 3 Eigenschaften

In den letzten 10 Jahren habe ich mehr oder weniger intensiv Yoga geübt. Heute möchte ich mit dir teilen, was die Eigenschaften sind, die ich in meiner Yogapraxis ausgebaut habe und von denen ich in meinem privaten und beruflichen Leben profitiere. Das heißt nicht, dass es nicht auch andere Bereiche beeinflusst. 

Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass sich die Grundprinzipen des Yoga inzwischen durch mein ganzes Leben ziehen. Aber der Effekt dieser drei Eigenschaften war, sagen wir mal, am überraschendsten, weil ich sie nicht so direkt in einen Zusammenhang mit Yoga gestellt hätte. Zumindest früher nicht. 

 

Also: Welche Eigenschaften wurden bei mir durch die Yogapraxis positiv bestärkt?

 

  1. Frustrationstoleranz
  2. Fokus
  3. Selbstwirksamkeits-Erwartung

„Practice Yoga, and all is coming.“ 

Shri K. Patthabi Jois 


Was hat Yoga mit Frustrationstoleranz zu tun?

Das Wort Frustrationstoleranz habe ich zum ersten Mal in der Oberstufe im Sozialkunde Unterricht gehört. Da mein Gedächtnis normalerweise ziemlich viele Lücken hat, ist es beachtlich, dass ich das noch weiß. Und das liegt daran, weil ich das Wort sofort toll fand. Frustrationstoleranz. Klingt doch irgendwie toll. Dennoch konnte ich eine ganze Weile nicht genau beschreiben, was ich im Alltag mit diesem tollen Wort mache. Es gibt sicher eine Million schlaue Definitionen. Für mich bedeutet es aber einfach, dass ich auch handlungsfähig bleibe, wenn ich frustriert bin, wenn etwas nicht nach meiner Nase geht oder ich enttäuscht bin. Es bedeutet, dass ich mich von dieser Emotion nicht gefangen nehmen lasse, sondern mich aktiv entscheiden kann, durch sie hindurch zu gehen und weiter mein Ding zu machen. 

Yoga ist dafür ein perfekter Übungsplatz. Die Frustrationen warten an jeder Ecke der Matte und auch dahinter. Die Gründe für die Frustration sind vielschichtig. Zum einen gibt es immer jemanden, der fortgeschrittener ist als ich. Egal, wie „fortgeschritten“ ich werde, das wird so bleiben. Und in einer Gesellschaft, in der wir seit Kindestagen an auf Wettbewerb getrimmt werden, kann dieser Fakt durchaus auch nach Jahren des Übens noch enttäuschend sein. 

Und auch wenn wir diese Phase überstanden haben und uns weniger oder gar nicht mehr vergleichen, gibt es noch Gründe sich zu ärgern. Vielleicht macht die Lehrerin oder der Lehrer einfach nicht das, worauf man gerade Lust hat. Vielleicht spielt sie oder er nicht die richtige Musik oder wählt vermeintlich komische Worte bei der Ansprache. Und schwups, ist man raus aus dem entspannten Zustand und drinnen im bewerten und sich ärgern. Doch auch diese Phase geht vorbei. Wenn man es schafft, sich auf Führung von außen einzulassen und nicht immer alles besser wissen will, hilft einem das nicht nur auf der Matte, sondern bringt auch mehr Entspannung in den Alltag. 

Doch, wie in jedem guten Spiel gibt es auch bei der Frustrationstoleranz einen Endgegner.

Dieser Endgegner bist du selbst bzw. der Teil von dir, der auch das „Ego“ genannt wird. Damit meine ich die Stimme in deinem Kopf, die dir immer wieder in einer Endlosschleife sagt, dass du noch nicht gut genug bist. Die Stimme, die dazu führt, dass du dich ärgerst, wenn du seit Jahren oder Jahrzehnten immer noch keine offeneren Hüften oder Beinrückseiten hast. Und dieses Ego ist hartnäckig und heimtückisch. 

Die Aufgabe, den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist, ist nicht so leicht wie es klingt. Es ist die höchste Stufe der Frustrationstoleranz. Denn in einem ruhigen Geisteszustand zu bleiben, auch wenn die eigene Haltungen ganz anders aussieht als das eigene Idealbild dieser Asana, ist eine wahre Kunst. 

Doch hast du diese Stufe gemeistert, überträgt sich diese Toleranz ganz automatisch auf deinen Alltag. Auch, wenn irgendjemand oder etwas dich richtig nervt und du richtig frustriert bist, kannst du nach und nach immer mehr verstehen, dass du nicht diese Emotion bist und dich dann von ihr lösen. Dadurch wird es möglich, auf ähnliche Situation ganz anders, nämlich viel entspannter zu reagieren als noch vor Jahren.

Mehr Fokus durch Yoga

Yoga ohne Fokus ist reine Gymnastik. Wenn das Ziel deiner Yogapraxis rein auf der körperlichen Ebene liegt, wenn du dadurch gelenkiger werden willst oder einen knackigen Po bekommen möchtest, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Aber dann könntest du auch andere Sportarten machen. Das, was Yoga so einzigartig macht, ist der Fokus beim Üben. 

Beim Yoga breitet sich der Fokus sozusagen stückchenweise aus. Immer, wenn du eine Stufe gemeistert hast, dass heißt wenn du deinen Fokus während der gesamten Stunde auf einer Sache halten kannst, wartet die nächste Stufe. Die gängigsten Stufen sind dabei: Fokus auf Atem, dann auf Zusammenspiel Bewegung und Atem, dann auf dem Halten der Bandhas, dann auf die Intention bis hin zur Meditation während der Asana-Praxis.

Aber fangen wir mal am Anfang an. Zunächst einmal ist es etwas ganz besonderes, wenn du deine Bewegungen für eine gesamte Yogastunde an deinen Atem koppelst. Dafür braucht es deinen ganzen Fokus. Das merkst du gerade bei den ersten Yoga-Erfahrungen. Denn da ist es oft so, dass du den Fokus nur solange auf dem Atem halten kannst, solange die Bewegungen einfach sind. Doch sobald die Haltungen koordinativ oder kräftemäßig anspruchsvoller werden, wird der Atem wieder unbewusst. Doch wie bei den meisten Dingen, hilft hier: üben, üben, üben. Und die Belohnung wartet direkt am Ende der Stunde: eine Endentspannung nach einer Klasse, in der du den Fokus lange auf deinem Atem halten konntest fühlt sich wirklich toll an.

Und mit der Zeit merkst du, wie bestimmte Abläufe ohne dein direktes Zutun laufen und dein Fokus kann vom Atem zu den Bandhas ziehen. Kannst du dein Bandha währen der ganzen Stunde halten, kann der Fokus dann zur Intention für dein Üben wandern. Schaffst du es schließlich, dich bei allen Asana an deine Intention zu erinnern und nur dafür zu üben, entsteht ein ganz kraftvoller Fokus - der der Meditation während der Asana Praxis. 

Und spätestens dann solltest du auch merken, wie sich dieser verstärkte Fokus auch in deinen Alltag zieht. 

Nicht nur, dass du deine Konzentration länger bei einer Sache halten kannst - auch wenn das allein als Benefit schon mehr als genug wäre. Du kannst das Objekt für deinen Fokus nun auch frei und selbstbestimmt wählen. Yoga schafft Wahlfreiheit. Legst du deinen Fokus nur auf das Schlechte oder auch auf die Möglichkeiten? Wie lange lässt du deinen Fokus beim Ärger, der Angst und der Traurigkeit? Wann entscheidest du dich für einen Perspektivenwechsel? Yoga zeigt dir, dass DU die Wahl hast. 

YOGA & Selbstwirksamkeits-Erwartung

Wieder so ein tolles Wort. Was hat es damit auf sich? Es ist die feste Überzeugung, ja, die Erwartung, dass das, was du selbst tust, eine Wirkung hat. Das wiederum bedeutet, dass du einen Einfluss auf dich selbst und die Dinge in deinem Umfeld hast. 

Diese Eigenschaft kannst du im Yoga perfekt für den Alltag „trainieren“. Denn deine Entwicklung im Yoga hängt nur von einer Person ab: von dir selbst. Und wie oft, denkst du dir: „Das schaffe ich nie. Dafür ist mein Körper nicht gemacht.“, wenn eine anspruchsvolle Asana angesagt wird? Also mir geht das schon ab und zu so. 

Das Spannende ist jedoch, was danach passiert. Es gibt zwei Möglichkeiten: 1. Du nimmst dich raus, setzt dich hin und schaust mal zu, was die anderen so machen. Das ist nett, aber dadurch wird bei dir nichts passieren. 1:0 für dein Ego. 2. Du versuchst es. Es ist gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass du zunächst weit entfernt davon bist, was da angesagt wird. Diese Phase kann Minuten, Tage, Monate oder Jahre dauern. Wobei letzteres am wahrscheinlichsten ist. Doch irgendwann kommt der magische Moment: Es geht! 

„Auf einmal“ gelingt dir der Kopfstand oder die Knöchel-auf-Knie-Haltung oder du berührst in der stehenden Vorwärtsbeuge mit den Fingerspitzen den Boden. Yes. 1:0 für dich. Dieser Prozess führt dich zur Selbstwirksamkeits-Erwartung. Du hast gezeigt, dass du mit deinem beständigen Üben etwas geschafft hast, von dem dein Ego dir gesagt hat, dass du das niemals können wirst.

Und das Beste daran ist, dass sich diese Erwartung auch wieder auf den Rest deines Lebens übertragen wird. Warum das so ist, wird weiter unten noch beschrieben. Das hat zur Folge, dass du immer mehr verstehst und fühlst, dass du für Erfolge in deinem Leben verantwortlich bist - dass du etwas erreichen kannst, durch deine Ausdauer und deine Ausrichtung. Wenn das mal nicht ein großer Schlüssel zum Erfolg ist. Und dieser Schlüssel liegt auf deiner Matte. Du musst dich nur entscheiden, ihn zu nutzen.

Wie funktioniert die Übertragung dieser Eigenschaften von der Matte in den Alltag?

Unser Gehirn hat ähnliche Strukturen wie die Straßen in einer Stadt. Die Straßen, die viel befahren werden, werden im Laufe der Zeit immer mehr ausgebaut, bekommen neue Spuren und einen besseren Asphalt um den regen Verkehr zu bewältigen. Weniger befahrene Straßen bleiben wie sie sind oder verfallen. Werden die Straßen gar nicht mehr genutzt, werden sie irgendwann abgerissen. Es können aber jederzeit auch ganz neue Straßen gebaut werden.

So passiert es auch im menschlichen Gehirn. Verbindungen, die oft genutzt werden, werden stärker und stabiler. Verbindungen, die selten genutzt werden, werden schwächer oder reißen irgendwann komplett ab. Es ist aber jederzeit möglich, komplett neue Verzweigungen zu erschaffen. 

Was das jetzt mit Yoga und diesem Artikel zu tun hat? In dem Moment, in dem du eine bestimmte Eigenschaft auf der Matte erwirbst oder verstärkst, bildet sich eine neue Verbindung im Gehirn. Zwei oder mehr Bereiche werden miteinander verbunden und je öfter du übst, desto stabiler wird die Verbindung. Und irgendwann wird es ganz automatisch, dass dieser Weg genutzt wird. Die Verbindung bleibt im Gehirn bestehen - auch wenn du deine Matte verlässt. Und je integrierter die Eigenschaft durch Yoga wird, desto natürlicher wird dein Gehirn diese Verbindung auch im Alltag nutzen. Einfach weil es einfacher ist, auf einer gut ausgebauten Straße zu fahren, als auf einer, die schon fast auseinander fällt. Und unser Gehirn liebt einfache, effiziente Sachen - darauf ist es programmiert. 

Du kannst also die Strukturen und Wirkungsweise deines Gehirns nutzen, um dir auf der Matte Eigenschaften anzueignen, die du im Alltag gern hättest. Ziemlich tolle Geschichte, wie ich finde.

Dein persönlicher Test: ab auf die Matte

Jetzt ist auch genug dazu geschrieben: Ab auf die Matte. Zeit zum Üben. Vielleicht beobachtest du dich während deiner nächsten Yogaklasse einfach mal in Bezug auf deine Frustrationstoleranz, deinen Fokus und deine Selbstwirksamkeits-Erwartungen. Ich freue mich, wenn du mich und die anderen Leser an deinen Erfahrungen dazu teil haben lässt oder uns schreibst, welchen Einfluss Yoga auf dein alltägliches Leben hat.

 

Danke fürs Lesen!

 

Over & Om,

Victoria

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Gabriela (Freitag, 21 Dezember 2018 18:43)

    Toll geschrieben! super verständlich, spannend inkl. Aha-Effekt! Merci, herzlichst Gabriela