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Warum ich mich gegen meine Brüste entschied.

Mein Weg zu prophylaktischer Mastektomie und Wiederaufbau

Ich habe eine ganze Weile keinen Beitrag mehr zum Thema Brustkrebs geschrieben. Das lag vor allem daran, dass ich in den letzten Monaten sehr viel Zeit in meine „innere“ Heilung investiert habe. Ich habe alte und tiefsitzende Muster aufgedeckt und geheilt. Ich habe Platz für neue Impulse und Ideen geschaffen und mich dabei innerlich neu geordnet. Ich habe in diesem Prozess auch in Frage gestellt, ob ich überhaupt noch zum Thema Krebs schreiben möchte. Die finale Antwort auf diese Frage ist „ja“. Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen betroffenen Frauen und deren Umfeld teilen, um sie auf dem Weg der Heilung ein kleines Stück zu begleiten.  Vielleicht kann ich allein dadurch unterstützen, dass die Frauen beim Lesen meiner Worte merken, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlen nicht allein sind. Also gibt es heute, zum Welt-Krebstag wieder etwas von mir zu lesen. 

Was ist eine Mastektomie?

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich über das heutige Thema schreiben konnte, ohne mich total emotional darin zu verfangen und in ein Loch zu stürzen, aus dem ich stundenlang nicht mehr heraus komme. Doch jetzt fühle ich mich bereit. Es geht um die subkutane Mastektomie. Mastektomie ist die vollständige oder teilweise Entfernung des Brustdrüsengewebes. Subkutan heißt in diesem Fall, dass die eigene Haut erhalten bleibt. Dieser Eingriff ist neben vielen anderen Bestandteilen je nach Art der Erkrankung eine Möglichkeit zur Therapie von Brustkrebs. Ich möchte voranstellen, dass dieser Artikel keine medizinische Empfehlung ist, sondern ausschließlich meine Erfahrungen widerspiegelt. Die Entscheidung, die ich getroffen habe, war für mich die Richtige. Das bedeutet aber nicht, dass das auf andere Frauen zutrifft. Jede muss diese Wahl für sich treffen.

Eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens: Brust entfernen oder nicht?

Die Entscheidung, ob ich meine Brüste entfernen lasse oder nicht, war die schwerste Entscheidung in der Brustkrebs-Therapie und wohl auch eine der schwierigsten in meinem Leben. Nach der Diagnose Ende 2016 gab es sofort den Impuls, mir das Gewebe entfernen zu lassen. Darüber sprechen konnte ich nicht. Schon der Gedanke daran trieb mir sofort die Tränen in die Augen. Ich verdrängte das Thema zunächst, denn es gab ja auch genug zu tun. Arzt- und Klinikbesuche bestimmten den Alltag. 

Fluch und Segen zugleich: Gentest bei Brustkrebs

Wie manche von euch vielleicht wissen, wird bei bestimmten Patientinnengruppen ein Gentest empfohlen. Da ich bei der Diagnose erst 31 Jahre alt war und es in meiner Familie keine Brustkrebs-Erkrankungen gibt, wurde auch mir dieser Test empfohlen. Das Vorgespräch war ziemlich aufwühlend. Mir wurde aufgezeigt, was in meinem Fall genetisch alles vorliegen könnte. Ohne den Test überhaupt durchgeführt zu haben, zeichnete er ein ziemlich düsteres Bild für mich - und viel schlimmer: für meine Kinder. Ich brauchte mehrere Wochen, um dieses Gespräch halbwegs zu verdauen.

 

In der Zeit des Wartens auf das Ergebnis des Gentests merkte ich, dass es da einige komische Gedanken gab, die ich nicht unterdrücken konnte, so sehr ich es auch versuchte. So irrational und bescheuert das auch klingen mag, es gab einen Teil in mir, der sich wünschte, dass da ein genetisches Problem vorliegt. Warum? Zum einen weil ich dann die Ursache für die Krankheit nicht in meinem Leben suchen müsste. Zum anderen, weil es meist eine klare Empfehlung der Ärzte gibt, die Brust zu entfernen, wenn ein genetischer Defekt vorliegt. Diese Gedanken waren bizarr, ich konnte mit niemandem darüber reden, weil ich mich so dafür geschämt habe. Im Nachhinein weiß ich, was mir diese innere Stimme versucht hat zu sagen. Aber dazu später mehr. Das Ergebnis des Tests war dann zum Glück aber negativ, das heißt unauffällig. Das hat mich trotz dieser verwirrenden Gedanken dann doch beruhigt. 

Entscheidungsfindung schwer gemacht

Das Ende der Chemotherapie rückte in greifbare Nähe. Der Tumor hat auf die Therapie reagiert und ist deutlich geschrumpft. Der Gentest war unauffällig. Von Seiten der Ärzte sprach also alles für eine brusterhaltenden Operation als Abschluss der Primärtherapie. Dabei wird nur der Tumor und etwas Gewebe drumherum entfernt. Der Rest des Gewebes bleibt erhalten und so bleibt von der OP oft nur eine Mini-Narbe und an der Brust selbst verändert sich nicht viel. Klingt zunächst super und meine Ärzte waren auch sehr überzeugt von dieser Lösung. Nur ich konnte mich irgendwie nicht so recht freuen. Und so ließ ich mir noch etwas Zeit für die Entscheidung. 

 

Es folgten aufwühlende Tage und Wochen. Meine Gedanken spielten verrückt. Meine Gefühle spielten verrückt. Mein Körper spielte verrückt. Ich durchdachte Vor- und Nachteile. Ich las viel über die verschiedenen Formen der Operationen. Ich sprach mit verschiedenen Ärzten. Aber schlauer wurde ich dadurch nicht. In dieser Zeit war ich auch noch nicht so weit, dass ich die Methoden an der Hand hatte, die mir heute zur Verfügung stehen. Die Art der Meditation, die ich heute nutze, hätte mir sicher auch damals weitergeholfen. Aber sie war mir noch nicht bekannt und auch das hatte sicher seinen Grund. Mein Bauchgefühl war eindeutig. Aber kennst du das, wenn du dein Bauchgefühl zwar erkennst, aber trotzdem versuchst, Gründe für einen anderen Weg zu finden? So ging es mir, weil ich die Auswirkungen, die entstehen würden, wenn ich meiner Intuition folge, nicht wahr haben wollte. 

April 2017: kurz vor der Entscheidung
April 2017: kurz vor der Entscheidung

Angst vs. Intuition: Was mein Bauchgefühl in Bezug auf die Brüste meinte.

Der Gedanke daran, mit 31 meine Brüste zu „verlieren“ stürzte mich in ein emotionales Loch. Ich hatte Angst. Ich war trotzig. Ich weinte. Ich versuchte es zu verdrängen. Ich wollte es einfach nicht. Ich wollte, dass nach der Therapie einfach alles wieder „normal“ wird. Auch, wenn zu diesem Zeitpunkt „normal“ schon längst nicht mehr existierte. Und: ich wollte es keinem erklären müssen. Wie sollte ich auch jemandem verständlich machen, dass ich mich gegen den Rat der Ärzte dazu entschließe, meine Brüste entfernen zu lassen? Dass ich mich zwei großen, nicht ungefährlichen Operationen unterziehe, obwohl es eine Kleine auch tun würde? 

 

Zunächst zog ich mich mit diesen Gedanken zurück. Doch irgendwann hatte ich das Gefühl zu platzen. Ich musste mit jemandem reden. Und da, plötzlich, gab es überraschenderweise Menschen, die mich und meine wirren Gedanken verstehen konnten. Also das war wahrscheinlich nur für mich überraschend. Denn es ist doch oft im Leben so: Wir fressen irgendwelche Gedanken in uns rein, weil wir denken, dass nur wir so komische Sachen denken. Uns ist es unangenehm und fast peinlich über Dinge zu sprechen, die ganz offensichtlich irrational aber trotzdem wichtig sind. Und wenn wir uns dann doch überwinden und uns jemandem öffnen, ist die andere Seite auch ganz erleichtert, weil sie sich auch nicht getraut hat, das jemandem zu sagen. Und ganz plötzlich entsteht ganz viel Nähe. So ging es mir auch.

Die Entscheidung: Einmal Brust ab, bitte!

Und dann kam der Moment, in dem mein Arzt mir sagte, ich müsse mich innerhalb der folgenden Woche entscheiden, welche Operation durchgeführt werden soll, um alles noch rechtzeitig planen zu können. Ohne zu überlegen kam es sofort aus mir raus: „Ich brauche keine Woche, ich habe mich entschieden. Für die prophylaktische Mastektomie.“ Da war es. Es war gesagt und es fühlte sich auf einmal sehr gut an. Es stellte sich eine innere Ruhe ein. Ich wusste, das dies für mich die richtige Entscheidung ist. Auch wenn weiterhin Ängste da waren.

 

Die Vorbereitungen für die Operation liefen dann fast nebenbei. In den Vorgesprächen bekam ich, wie immer, Informationen, die ich nicht hören wollte. Ausführlich wurde mir erklärt, was im schlechtesten Fall passieren konnte. Am Tag vor der OP verbrachte ich dann schon den ganzen Tag im Krankenhaus für etliche Voruntersuchungen. Abends schlich ich mich dann noch einmal raus und ging in eine Yogastunde. Ich hatte das Gefühl, das wäre die beste Vorbereitung. In der Nacht schlief ich kaum. Das lag zum einen an der Aufregung und zum anderen an meiner Mitbewohnerin im Klinikzimmer, die ein scheinbar nicht enden wollendes Mitteilungsbedürfnis hatte. Sie telefonierte ununterbrochen. 

Operation und Krankenhausaufenthalt

Direkt vor der Operation war ich dann sehr ruhig, trotz de großen Eingriffes der bevorstand. Erst wurde das Brustgewebe entfernt und direkt danach die Brust wieder mit Silikon aufgebaut. Als ich wieder erwachte war ich ziemlich matschig im Kopf. Dieser Zustand wurde nur leider nicht besser. Ich hatte viel Blut verloren und die Ärzte und Schwestern brauchten einige Tage um mich wieder aufzupäppeln. Zugegebenermaßen hatte ich die Folgen der Mastektomie etwas unterschätzt. Ich war körperlich schon ziemlich mitgenommen und die 10 Tage Krankenhaus-Aufenthalt waren auch nötig, um mich in einen halbwegs akzeptablen Zustand zu versetzen.

 

Im Großen und Ganzen verlief die Heilung dann aber gut. Das schwierigste an dem Prozess war, mich ausreichend zu schonen. Aber auch hier war Verlass auf meinen Körper, der mir meine Grenzen immer sehr deutlich aufzeigte.

Mai 2017: 2 Tage nach Klinikentlassung und 14 Tage nach der Brustentfernung
Mai 2017: 2 Tage nach Klinikentlassung und 14 Tage nach der Brustentfernung

Das Leben danach.

Heute bin ich immer noch froh, die Entscheidung für die prophylaktische Mastektomie mit Wiederaufbau getroffen zu haben. Ich fühle mich wohl mit der wiederaufgebauten Brust, wir haben uns aneinander gewöhnt und sind Freunde. Und was soll ich sagen: Alles hat auch gut Seiten. Das erste Mal in meinem Erwachsenenleben ohne fetten BH herumlaufen zu können, ist total angenehm. (Die Implantate sind deutlich kleiner als meine „alte“ Brust.)

Was mache ich mit der zweiten Brust?

Wie oben beschrieben, wurde in der ersten Operation zunächst nur die vom Krebs betroffene Seite entfernt. Ich stand also einige Zeit später wieder vor einer ähnlichen Entscheidung. Doch diesmal hörte ich schneller auf meine Intuition und ließ mir 6 Monate nach der ersten Operation auch die zweite, nicht von Brustkrebs betroffene Brust entfernen. Auch das war für mich sehr herausfordernd, aber der richtige Weg.

 

Und so hoffe ich, dass du, wenn du das hier liest, auch deinen Weg erkennst und den Mut hast, ihn zu gehen. Dafür sende ich dir viel Kraft und freue mich, wenn du mir hier, auf Facebook oder Instagram von deinen Erfahrungen berichtest.

 

In tiefer Verbundenheit,

Deine Vic

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Kommentare: 1
  • #1

    Franzi (Montag, 04 Februar 2019 14:47)

    Danke fürs Teilen ���